Ganzheitliche Produktentwicklung: Design for Production

von Moritz Machner im Februar 2012 in Design

In der letzten Zeit gab es vermehrt Diskussionen über die Lieferkette von Apple und die dort vorherrschenden Arbeitsbedingungen der großteils ungelernten Arbeiter in China. Hinzu kommt die Debatte in den USA, ob man die Produktion nicht „nach Hause“ holen könnte. Präsident Obama soll Steve Jobs vor dessen Tod sogar gefragt haben, was nötig sei, um die Arbeitsplätze zurück zu holen. Jobs soll die Anfrage abgewiegelt haben. Im Gegensatz zu den USA ist der Export in Deutschland noch sehr stark. Viele produzierende Unternehmen des Mittelstandes sind in ihrem Bereich sogar Weltmarkführer - trotz der gegenüber China deutlich höheren Löhne. Das liegt sicherlich an verschiedenen Gründen, vom gut ausgebildeten Facharbeiter bis hin zur ordentlichen Infrastruktur. Aber als Saas (Software as a Service) oder Cloud Anbieter kann man von einem Grund besonders viel lernen. Dem Design seiner Produkte.

Was man von der produzierenden Industrie lernen kann

Sie haben richtig gelesen, vom Design. Apple, dessen Design immer gelobt wird, soll jetzt also Mängel im Design haben? Bei Design denken Sie wahrscheinlich an „Aussehen“. Aber Design ist viel mehr, als nur die bloße Optik eines Produktes. Steve Jobs selbst sagte einmal: „Design is not how it looks, it’s how it works“. In dem Satz steckt viel Wahrheit aber leider nur die Halbe. Man sollte „and how it’s produced“ ergänzen. In dem Produktionsfaktor verbirgt sich einer der großen Wettbewerbsvorteile der deutschen Unternehmen. Die Produkte werden von Anfang an so designed und konstruiert, dass eine möglichste effiziente Produktion mit sehr hoher Automatisierung erfolgen kann. Wenn man einmal ein Automobilwerk besucht hat, das über 800 Autos am Tag pro Produktionsstraße mit einer unglaublich hohen Präzision und Qualität fertigt, dann weiß man wovon ich rede. Über Apple und Konsorten kann man natürlich an dieser Stelle nur spekulieren, da es wenig verlässliche Informationen gibt, aber bei über 200.000 ungelernten Arbeitern kann der Automatisierungsgrad nicht sehr hoch sein.

Die Lektion für Cloud und SaaS Provider

Bei SaaS- und Clouddiensten findet die Produktion in der zur Verfügungstellung der Leistung statt. Die schönste Software nutzt nichts, wenn sie dem Kunden nicht zuverlässig und sicher zur Verfügung gestellt wird. Ich habe schon häufiger Startups im Server und Infrastruktur Bereich beraten. Hierbei sind mir gelegentlich Systeme untergekommen, welche zwar sicherlich gut designed waren, was Aussehen und Funktionalität betraft, aber die Entwickler hatten sich anscheinend wenig bis keine Gedanken zur Skalierung und dem produktiven Betrieb gemacht. Was auf einem Testserver in der Entwicklung mit 5, 100 oder auch 1.000 Benutzern problemlos funktioniert muss das bei mehreren 10.000 Benutzern noch lange nicht. Oft war die allgemeine Annahme, dass man einfach mehrere große Server kaufen kann und das Problem sich damit von alleine löst. Die Annahme ist aber nicht ganz richtig, da das System zunächst einmal für den Betrieb auf mehreren Servern gleichzeitig ausgelegt sein muss. Dazu kommt noch, dass man viele effiziente Techniken zur Skalierung nicht nutzen kann. Beispielweise werden beim Caching Seiten zwischengespeichert, so dass der Server diese nicht aus der Datenbank zeitaufwändig neu generieren muss, sondern einfach die Seite aus dem Cache nehmen kann. Diese klappt natürlich nur solange, bis die zugrundeliegenden Daten sich geändert haben und das muss eine Applikation dem Cache natürlich mitteilen, sonst bekommt der Benutzer eine Seite mit veralteten Daten angezeigt. Man kann also nicht einfach nachträglich von außen an das System „anflanschen“, die Software muss von Anfang an darauf ausgelegt sein.

Design for Production ist genau so wichtig, wie das eigentliche Produkt

Wenn man eine SaaS Anwendung designed, ist man also gut beraten, wenn man die Produktionsumgebung von der Infrastruktur bis zur Middelware (z.B. Websoftware, Datenbanken) mit bedenkt. Nur dann kann man mit hoher Ausfallsicherheit und Performance gut skalieren. Zudem spart das natürlich auch Kosten, wenn die Leistung effizienter erbracht werden kann und man beispielsweise weniger Server benötigt werden. Um auf das Apple Beispiel zurück zu kommen: das iPhone könnte man hier sicherlich deutlich effizienter und qualitativ besser produzieren. Ob das die billigen Arbeitskräfte aufwiegt ist ein anderes Thema. Die optimale Lösung für ein neues Projekt oder Startup ist natürlich, wenn ein oder mehrere Teammitglieder entsprechendes Wissen mitbringen. Falls das nicht der Fall sein sollte - es sind durchaus komplexe Technologien über die wir hier sprechen - sollte man die Entwicklung auf jeden Fall frühzeitig von einem entsprechenden Spezialisten begleiten lassen. Diese Integration von „Development“ und „Operations“ wird unter dem Begriff „DevOps“ immer moderner. Doch dazu später mehr. Zu dem Thema werden wir übrigens im März bei der Strategy Fire in Hamburg sprechen. Hier gibt es eine kurze Beschreibung des Vortrags.
Tags dieses Artikels: DevOps, Entwicklung und Unternehmensstrategie
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Moritz Machner

Mitbegründer von 42he. Technischer Kopf und Chefentwickler mit Passion für schlanke Designs.


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