48 Stunden um eine Team-Software zu bauen

von Sven Sester im Oktober 2014 in Kollaboration

Wir hatten genau 48 Stunden. 48 Stunden um eine Software zu entwickeln, die unsere Kommunikation im Unternehmen verbessert und gleichzeitig Meetings auf ein Minimum reduziert.

Die Aufgaben waren klar verteilt. Während unser Entwickler Arne zusammen mit Axel die Logik und das eigentliche Frontend programmieren würde, sollte Moritz sich um die Infrastruktur kümmern. Mein Job war es, die richtigen Texte und Beschriftungen zu finden, im System selbst wie auch auf der Webseite. Schließlich sollte unser Produkt nicht nur unser Problem lösen, sondern möglichst vielen Teams helfen, ihre interne Kommunikation zu verbessern.

Das Wetter hätte passender nicht sein können, grau und wolkenverhangen. Ideal um sich zwei Tage in einem Haus in der Eifel hinter den Rechnern zu verschanzen. Zuvor hatten wir uns gemeinsam in Arnes gelbem Minibus auf den Weg gemacht, den Kofferraum voller Technik und Spaghettivorräte. In unserer Höhle angekommen, mussten wir schnell feststellen, dass die Internetanbindung auf dem Land nicht ideal ist, um eine Websoftware zu entwickeln (2Mbit). Der Handy-Empfang war auch keine Alternative, weil nicht vorhanden. Egal, niemand kauft Entschuldigungen, nur Produkte. Also schnell noch eine Kanne Kaffee gekocht und los.

Was genau wollen wir eigentlich?

Da wir im Team sowohl an unterschiedlichen Projekten als auch an verschiedenen Standorten arbeiten, geschah es regelmäßig, dass jeder schön vor sich hin wurschtelte, aber keiner im Bilde war, was die anderen so machten. Das führte hin und wieder dazu, dass Aufgaben doppelt gemacht wurden, weil eben doch nicht alles getrennt war. Hinzu kam, dass man oft unvorbereitet mit Problemen konfrontiert wurde, die man hätte viel früher angehen und lösen können, hätte man eben davon erfahren.

In einer ersten Diskussion wurde dabei schnell klar, was nicht funktionieren würde: etwas, das viel Aufwand bedeutet und etwas, das nach Überwachung stinkt. Trotzdem sollten die eingetragenen Informationen ihren Wert haben. Das Tool musste funktional und so unkompliziert sein, dass man es auch mit zwei Promille noch bedienen könnte. Nicht dass dies der Standardzustand in unserer Firma wäre, aber so gehen wir sicher, dass wirklich jeder damit zurecht kommt. Für ein kompliziertes Tool mit zig Unterfunktionen hätten wir ohnehin keine Zeit gehabt. Dass es eine Websoftware für kleine Teams werden würde, war ebenfalls von Vornherein klar, denn wir können nichts anderes. Und wer nur einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel. Aber wir hatten einen beachtlichen Hammer.

Für den Namen entschlossen wir uns, die Kernfrage des Problems zu benennen. Da „Liebe Kollegen, woran arbeitet Ihr gerade?“ dann doch etwas sperrig klingt, entschieden wir uns für „What’s up Team?“ bzw. whatsupteam.com

Die hinter Wolken versteckte Sonne hatte ihren Zenit inzwischen längst überschritten, daher begannen wir schleunigst mit der praktischen Arbeit. Axel und Arne starteten mit der Datenbank, definierten die Tabellen und Bedingungen und erstellten so die Grundmodelle. Ich saß vor einem Haufen Papier und begann erste Seitenentwürfe zu malen und zu beschriften. 

Das Produkt

Praktisch sollte unsere Lösung so aussehen, dass ein Teamleiter drei Fragen entwirft. Das System verschickt dann automatisch zum Beispiel wöchentlich eine E-Mail mit einem Link zu einer Eingabemaske, wo diese drei Fragen beantwortet werden können. Voreingestellt sind die Fragen:
  1. Woran hast Du letzte Woche gearbeitet?
  2. Was planst Du für diese Woche?
  3. Hast Du Fragen oder Anmerkungen?   
24 Stunden später würde das System dann die gesammelten Antworten aggregiert an alle Teammitglieder versenden. So weit, so einfach. Das Prinzip Mails mit Fragen zu versenden und die Antworten zusammenzufassen ist nicht neu, die amerikanische Software „Team-Reporter“ ist damit bereits mehr oder weniger erfolgreich. Wir wollten aber mehr als eine bloße E-Mail ohne jeglichen Kontext. Wir wollten eine Nachvollziehbarkeit über Wochen hinweg. Schon für uns als Abgleich („Was habe ich denn letzte Woche gesagt, was ich machen wollte?“). Es sollte eine Suche geben und die Möglichkeit, Themen und Fragen eindeutig zu adressieren und zu kommentieren. Und zu guter Letzt hatten wir in der praktischen Anwendung festgestellt, wir brauchen (mindestens eine) Erinnerungs-Mail, sonst kommen die Hälfte der Statusberichte leer an. Das war alles bei bisherigen Tools nicht möglich, deshalb hatten wir uns entschlossen, selbst eins zu entwickeln.
Thumb bushaltestelle
Inzwischen war es Nachmittag und die erste Spaghetti-Pause stand an. Arne hatte eine feine Bolognese gezaubert und so mussten wir uns anschließend erst einmal mit einem kleinen Spaziergang die Beine vertreten, um das Fresskoma zu bewältigen. Eine Dreiviertel Stunde später saßen wir mit der Erkenntnis, dass es wirklich im ganzen Dorf keinen Handy-Empfang gibt, dafür genau einen Bus am Tag, wieder mit Kaffee vor Monitor und Papier. Weiter gehts.

22 Uhr: die wesentlichen Routen im System sind gebaut, erste Designs, Farbschema und Texte stehen (auf Papier). 
Mitternacht: Die Designs der einzelnen Systemseiten laufen endlich in der Entwicklungsumgebung, deshalb gibt es jetzt „Spaghetti-Pause, die 2.“. Gut, dass wir mittags viel gekocht hatten. Kaffee muss Bier weichen.
2:00 Uhr: Der Login steht und hat bereits einige Finessen. Das Anlegen der einzelnen Antworten zu einer Frage für den Statusbericht klappt, aber nur rudimentär. Und es sieht immer noch scheusslich aus. Egal, die Buchstaben verschwimmen langsam vor den Augen, es reicht für heute.

Tag 2

Am nächsten Morgen sitzt Axel bereits seit acht Uhr wieder am Schreibtisch und testet Designs und Layouts. Das Fieber dieses Ding tatsächlich in 48 Stunden zu bauen, hat ihn längst gepackt. Die anderen versuchen erstmal Brötchen aufzutreiben, was in einem 146 Seelen Dorf keine einfache Aufgabe darstellt. Ja, wir sind verwöhnte Städter.

Die nächsten Schritte für die Entwickler heißen „automatischer Mailversand“ und „Sign Up“, meine Aufgabe ist die Webseite. Da sich meine Html- und CSS- Kenntnisse noch immer auf Grundschulniveau befinden, baut Axel die Grundstruktur und ich fülle die Sprachdateien mit Text. Zunächst auf Englisch, später auch auf Deutsch. 

Inzwischen ist es Mittag und wir entscheiden uns für einen „schnellen Snack“ aus einer etwa einen Meter langen Bratwurst in einem ebenso langen Baguette. Wir haben sicher schon gesünder gegessen, aber dafür ist jetzt keine Zeit. 

Beim Bau der Eingabefelder stehen Axel und Arne vor dem bekannten „Teufel im Detail“-Problem. Eine Fehlermeldung jagt die nächste. Die Validierung der unterschiedlichen Eingaben und vor allem Fehlermöglichkeiten dauert einfach seine Zeit. 
Um das System so schlank wie möglich zu halten, setzen sie beim Ausfüllen der einzelnen Fragen auf permanentes Speichern, ähnlich wie man es etwa von Google Docs kennt. Hinzu kommt eine Logik aus dem Social Media Bereich. Hashtags vor den Schwerpunktthemen erleichtern das inhaltliche Sortieren, Fragen adressiert man über ein @ vor dem Vornamen des Nutzers.

Meine Übersetzungen laufen ebenfalls lückenhaft. Immer wieder tauchen Begriffe in der falschen Sprache auf, englische Bezeichnungen in der deutschen Version und andersherum. Dass zwischendurch der tägliche Kundensupport für unser CRM und das Reservierungssystem weiterlaufen muss (es ist mittlerweile Montag), nagt etwas an unserer Konzentration, lässt sich aber nicht vermeiden. Dafür zahlen unsere Kunden immerhin.

Axel widmet sich inzwischen der Größenanpassung an unterschiedliche Displaygrößen (Responsive Design). Auf einem Smartphone soll die Software ja ebenfalls les- und benutzbar sein. Langsam werden wir leicht hektisch in unseren Bemühungen, noch so viel wie möglich von unserem Baby ans Laufen zu bekommen. Um 20h heißt es schließlich Schluss, aus, das war es für heute. Wir müssen zurück nach Köln.

What’s up Team steht, wenigstens in seinen Basisfunktionen. Und es sieht gut aus! Stolz wie Bolle machen wir uns auf den Heimweg. Überzeugt, dass unser 48-Stunden-Produkt die Kommunikation in kleinen Teams revolutionieren wird, diskutieren wir im Auto die nächsten Schritte (Orga-Seiten, Suchfunktion, Weltherrschaft). 

Am nächsten Tag hat sich der Siegestaumel schon wieder etwas gelegt und wir fixen noch unzählige Bugs. Axel ergänzt die rechtlichen Seiten wie Impressum und AGB, Arne baut die Kommentarfunktion, die wir zwar unbedingt wollten, aber einfach nicht geschafft haben. Dann geht das ganze Online. Wir verlinken die Seite auf unseren Facebook-Profilen und schauen, wie die ersten Anmeldungen reinkommen. Fehlermeldungen gibt es kaum, die Kommentare sind durchweg positiv. Produktive Software im Schnelldurchgang bauen - Yes we can!
Thumb whats up team ist online
Natürlich freuen wir uns über Nutzer, Feedback und eure Erfahrungen zu Status Meetings: http://whatsupteam.com

Tags dieses Artikels: DevOps, Innovation, lean startup, Produktentwicklung, WebApps und Webdesign

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Sven Sester

Gute Ideen scheitern leicht an schlechter Kommunikation. Deshalb wird Sven bei 42he gern kreativ in Wort, Bild und Schrift.


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